Joe Abercrombie – Heldenklingen

Ein Kunstwerk ohne Rahmen

Die Geschichte, die in Kriegsklingen begann findet nun hier ihre Fortsetzung. Dabei ist dies nicht ganz richtig. Kriegsklingen, Feuerklingen und Königsklingen ist eine in sich abgeschlossene – wie ich finde sehr geniale – Trilogie, bei der man schon merkte, dass das gesamte Epos um die Klingen – wie ich sie jetzt mal nenne, denn im englischen Original gibt es keine solche Analogie in den Titeln – größer werden wird als nur diese drei Romane. Und so kam der Nachfolgeband Racheklingen, der ebenfalls in der von Abercrombie entwickelten Welt und annähernd denselben Protagonisten spielt. Doch Racheklingen ist vollkommen anders als die Trilogie, da die Rahmenhandlung wesentlich kompakter und offensichtlicher ist als dort, dennoch ist sie nicht minder genial zeigt sie doch ganz andere Aspekte der Welt. Beiden Geschichten gemein ist der wirklich besondere und außergewöhnliche Schreibstil Abercrombies. Nun ist mit Heldenklingen der neue Abercrombie erschienen und reiht sich zeitlich hinter Racheklingen ein.

Zum Inhalt: Es herrscht Krieg. In einem unbedeutenden Tal entscheidet sich das Schicksal der Nordlande, und drei Männer kämpfen sich durch eine dreitägige, blutige Schlacht: Bremer dan Gorst, in Ungnade gefallener Leibwächter des Königs der Union, Prinz Calder, machtbesessen und feige, sowie Curnden Craw, einer der letzten ehrlichen Barbaren. Drei Männer mit dunklen Seiten, drei noch finsterere Tage voller Blut und Tod, und eines steht von Beginn an fest: Helden gibt es hier schon lange nicht mehr… (Quelle)

Meine Meinung: Nun erleben wir also, wie es in der Welt nach Racheklingen weitergeht und sehen in Heldenklingen neue Entwicklungen und wissen, was der Erste der Magi Bayaz vor hat und wie sich endlich ein Haupthandlungsstrang entwickelt. So dachte ich erst, bevor ich das Buch las und wurde was diesen Aspekt angeht relativ schnell enttäuscht: Das Buch handelt über eine Schlacht zwischen den Nordmännern und der Union, die gerade einmal drei Tage andauert. Darüber hinaus werden Dinge vor und nach der Schlacht geschildert. Von Haupthandlung leider keine Spur, doch das will im Grunde noch nichts Schlechtes bedeuten.
Das Buch spielt in einem Zeitrahmen von nur fünf Tagen und bei diesem Seitenumfang kann der Leser sich gewiss sein: Die Schlacht ist ausführlich und atmosphärisch geschildert und Abercrombies Schreibstil trägt viel zum Lesefluss bei. Manche Szenen sind wieder einfach nur genial geschildert. So erlebt man des öfteren den Tod eines Kämpfers aus seiner Perspektive, nur um gleich darauf diesen Tod aus der Sicht des Tötenden zu erleben. Auch sehen wir manchen Hauptcharakter aus den Augen eines anderen geschildert, ohne das diese sich kennen. Das sind wirklich große literarische Momente im Buch.
Doch trotz der Länge, hatte ich manchmal dennoch das Gefühl, als würde noch mehr Ausführlichkeit, ja gar mehr Tiefe in diesem Buch fehlen. Ich mache dies vor allem an zwei Punkten fest, die auch sehr ineinander spielen: Haben wir noch in der Trilogie diverse Charaktere erlebt wie sie sich entwickelten und letzten Endes alles auf die Schlacht am Ende zu lief und begleiteten wir in Racheklingen Murcatto auf ihrem Rachfeldzug, so fehlt hier selbst der Ansatz einer Rahmenhandlung. Wir starten am Vortrag der Schlacht und enden einen Tag nach der Schlacht. Mir ist zwar klar, warum es diese Schlacht gab, doch so wirklich aus der Geschichte heraus hat sie sich nicht entwickelt – oder die Lektüre der Trilogie ist für mich zu lange her…
Zum anderen erleben wir die Schlacht aus vielen Perspektiven, wobei diese aus beiden Seiten der Kämpfer kommen. Von der Union erleben wir Bremer dan Gorst, den unheimlich starken und guten Kämpfer mit der hohen Fistelstimme und seinem Bestreben seinen Ruf durch die Schlacht wieder herzustellen, Finree die Gattin eines Oberst und Tochter Marchall Kroys auf dem Weg nach mehr Macht und Ruhm und Korporal Tunny und seine interessante Sicht auf den Krieg. Seitens der Nordmänner erleben wir den loyalen und anständigen Curnden Kropf wie er sein Dutzend als Häuptling in der Schlacht führt, obwohl er sich doch eigentlich nach dem Ruhestand sehnt, Prinz Calder, Bethods jüngster Sohn, der nun da Bethod nicht mehr König ist, keinen festen Stand bei den Nordmänner hat, vor allem, da er schlau ist und als sehr verschlagen gilt, doch als ebenso feige und Beck ein junger Mann, der frisch zu den Nordmännern gestoßen ist um Krieger zu werden und schließlich auch ein Held, der sich einen Namen verdient. Diese vielen verschiedenen Perspektiven sind zwar sehr interessant und machen die Handlung wirklich spannend, doch ich hätte mir aus jeder Perspektive noch mehr Tiefe und Ausführlichkeit gewünscht um die Charaktere noch besser kennen zu lernen und tiefer in die Handlung einzudringen, doch das ist in einem Buch nicht zu schaffen.
Leider tauchen Figuren, die der Leser aus den anderen Romanen bereits kennt, zwar wieder auf, doch auch hierbei hätte ich mir mehr Ausführlichkeit gewünscht. Caul Espe und der Schwarze Dow sind zwar noch hinreichend ausführlich beschrieben und agieren auch in einem angemessenen Rahmen, doch der Hundsmann spielt leider kaum eine Rolle und sein Wortbeitrag beschränkt sich auf knappe vier Sätze. Dies finde ich wirklich schade, ist er mir doch in der Trilogie sehr ans Herz gewachsen.
Den Kritikpunkt der fehlenden Rahmenhandlung und der aufgrund der vielen Perspektiven für mich nicht ausreichenden Ausführlichkeit stehen die geniale Konstruktion der Erlebnisse und der wirklich einmalige Schreibstil im Positiven gegenüber. Leider wiegt die fehlende Rahmenhandlung doch schwer, da dadurch meine Lesefreude gemindert wurde und ich mir wie bereits gesagt wünschte, endlich zu erkennen, auf was dieses Epos hinausläuft. Zwei Mächte haben sich ja bereits in den vorigen Bänden herauskristallisiert, die zwar auch hier auftauchen, doch noch keine Klarheit und noch weniger Rahmenhandlung liefern.
Dies ist wirklich schade, denn Abercrombie hat ansonsten mit diesem Buch einen wirklich guten Roman über eine Schlacht geschrieben, der mit seinem genialen Schreibstil beinahe wieder ein Kunstwerk ist, doch leider ohne Rahmen… Vor allem hat er es geschafft in einem Buch, das praktisch nur aus einer Schlacht besteht eine Anti-Kriegsstimmung bei den Charakteren aufkommen zu lassen. Ein Punkt, der mir persönlich sehr gefällt.

Fazit: Mit einer schönen Rahmenhandlung wie dem Rachefeldzug Murcattos in Racheklingen wäre dies ein Meisterwerk geworden, das sich nicht in den Schatten der Vorgänger hätte zu stellen brauchen, doch so bleibt ein wieder genialer Schreibstil mit gut ausgearbeiteten Charakteren irgendwie fad und trotz der Länge des Buches ohne Tiefe. Doch auch wer sich wünscht endlich zu wissen wie es weitergeht in der Haupthandlung und dies hier nicht findet, wird dennoch auf seinen Geschmack kommen: Das Buch lohnt sich zu lesen und wenn die ersten vier Bücher gefallen haben, so wird es auch dieses und ich bin mir sicher, dass in den nachfolgenden Bänden oft von der Schlacht um die Helden die Rede sein wird – also unbedingt lesen!

Buchdaten: Heldenklingen – Joe Abercrombie
Genre: Fantasy
Taschenbuch 
896 Seiten
Heyne
Erschienen: 08. August 2011
Originaltitel: The Hereos
ISBN: 978-3-453-52523-8
Preis: 16,00€

 

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. katrin.books sagt:

    Ich muss mir unbedingt noch Köngisklingen holen! Die Reihe ist so gut. Ich hab deine Rezi vorsichtshalber nicht durchgelesen, falls sie evtl. Spoiler für die Trilogie enthält, aber jetzt hab ich wieder total Bock auf die Bücher ^^

  2. pätsche sagt:

    Hallo Horrorbiene,
    es ist seid einiger zeit der sechste Band draußen. Nur zur Info 🙂

    PS: Geiler blog und gute Rezis! Mach weiter so

    1. horrorbiene sagt:

      Weiß ich, liegt schon auf den SUB, aber trotzdem danke. 🙂

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