Kai Meyer – Die Alchimistin

Eine starke, vielschichtige Mischung aus Fantasy und historischem Roman

Zum Inhalt: Im düsteren Schloss ihrer Ahnen wächst Aura Institoris inmitten eines Labyrinths endloser Gänge und Säle heran. Als ihr verhasster Vater, ein Alchimist, getötet wird, verliebt sie sich ausgerechnet in seinen Mörder – den mysteriösen Gillian. Gemeinsam geraten die beiden zwischen die Fronten eines Krieges zwischen Unsterblichen, deren Hass die Jahrhunderte überdauert hat. (Quelle)

Wir begegnen hier einer sehr interssanten Familie: So leben neben den Eltern Nestor und Charlotte, noch die leiblichen Kinder Aura (17) und Sylvette (10) und der Adoptivsohn Daniel (18) in einem Schloss an der Ostee, als ein neuer Adoptivsohn Christopher (17) die Familie ergänzt. Die anfängliche Familienidylle trügt, denn ein jeder hat seine Ecken und Kanten. Daniel leidet an den psychischen Nachfolgen eines Unfalls, Charlotte hat eine besondere Beziehung zu Muscheln und Nestor verkriecht sich hinter seinen Versuchsaufbauten im Dachgarten und tritt in der Familie kaum in Erscheinung. Bevor die Handlung nach der Ermordung Nestors durch den Hermaphroditen Gellian wirklich in Fahrt kommt, wird der Leser Zeuge so manches Sprengstoffs hinter der heilen Familienfassade.

Meine Meinung: Die Alchimistin ist kein neues Buch, es wurde nach guten 10 Jahren zum Erscheinen des dritten Bandes der Trilogie im März neu aufgelegt. Da es vielfach als Lieblingsbuch tituliert wurde und ich von der neuen Aufmachung wirklich begeistert war, musste ich mir ein eigenes Bild machen und – ganz nebenbei – endlich meinen ersten Kai Meyer lesen. Ob und inwiefern sich diese Ausgabe von der ersten unterscheidet, kann ich daher nicht sagen.
Man kann Die Alchimistin zusammenfassend als eine starke Mischung zwischen einem historischen Roman mit einem Hang zu einer Familienchronik und Fantasy beschreiben. Der historische Aspekt wird nicht nur durch die Zeit, in der das Buch spielt, integriert, sondern auch durch reale Gegebenheiten der Wende zum 20. Jahrhundert. Ein Beispiel  ist das Theater Grand Guignol. Auch ist der Konflikt der Zeit des 20. Jahrhunderts und des Mittelalters, aus der das Alchimistentum ursprünglich stammt sehr schön herausgearbeitet. Dennoch wären noch mehr „reale Beispiele“ schön gewesen.
Ebenso gut ausgearbeitet sind die Charaktere. Sie sind plausibel und vielschichtig dargestellt und dennoch sehr ambivalent. So verschieben sich die Sympathien gegenüber den Charakteren stets und mit den Wandlungen, die die Handlung nimmt, verändert sich auch die Sympathie gegenüber den Charakteren. Dieser Aspekt wird gleich zu Beginn deutlich: Der Leser lernt als erste Figur den Waisenjungen Christopher kennen und begegnet durch seine Augen zum ersten Mal der Hauptperson Aura – und das was er sieht, ist im ersten Moment zwar gutaussehend, doch alles andere als sympathisch. Diese Konstruktion ist eine wirkliche Stärke und zieht sich durch das gesamte Buch.
Wie man an diesem Beispiel auch erkennen konnte, erlebt man die Gegebenheiten nicht nur aus der Sicht Auras, sondern die Perspektiven wechseln, so dass die Handlung mehr Tiefe erhält. Meyers flüssiger und doch detaillierter Schreibstil trägt sein Übriges dazu bei. Durch die vielen unvorhersehbaren Wandlungen und die Vielschichtigkeit und Verästelung der Handlung erhält die Geschichte Spannung, was durch die doch sehr erschütternden Enthüllungen, die die Hauptdarsteller machen, unterstützt wird.
Mit Die Alchimistin legt Kai Meyer somit wirklich ein starkes Buch vor. Dennoch muss ich sagen, hat es mich nicht vollkommen überzeugt und mitgerissen – obwohl mich sehr wohl interessiert, wie es mit Aura und ihrer Familie weitergehen wird. Ich habe lange überlegt, woran es gelegen hat und mir sind einige kleine Kritikpunkte aufgefallen, die diesen Ausschlag gegeben haben. So habe ich zum Beispiel nicht wirklich verstehen können, was Charlotte dazu bringt, zwei doch recht alte Jungen zu adoptieren, vor allem weil sie darüber hinaus zulässt, dass Aura bis zu ihrer Volljährigkeit in ein Internat geschickt wird.
Der Roman ist gut durchdacht und noch besser konstruiert, dennoch hatte ich das Gefühl, dass zu viele Elemente angesprochen wurden und somit den einzelnen Aspekten nicht ausreichend Raum zur Entfaltung gegeben wurde. Das mag für die Unsterblichkeit nicht gelten, doch was es mit den überaus interessanten telepathischen Fähigkeiten der beiden Jüngsten auf sich hat, darüber wird kurz spekuliert und sonst nicht weiter beleuchtet. Stattdessen wird diese Eigenschaft und damit auch die Kinder  ausgenutzt um die Handlung möglichst schnell weiter zu bringen. Statt diesen Aspekt auszubauen wird auch noch das Tempelritter-Thema eingespielt, die dem Roman eine neue Wendung geben. Ich persönlich war nicht sehr erfreut über diesen Wandel, denn zum einen finde ich das Thema recht ausgelutscht, zum anderen ist dieser trotz der Wichtigkeit doch recht kurz gekommen, so dass der „neue Templerorden“  recht lächerlich wirkte.
All diese Punkte würden nicht so schwer wiegen, wenn das Buch etwas ausführlicher geraten wäre. Ohnehin empfand ich den Bruch des Buches in die zwei Teile recht störend. Doch diesen Aspekt nutzend, hätten wunderbar zwei etwas längere Romane aus diesem einen entstehen können. So wirkt die Handlung doch sehr gerafft – passend für eine Familienchronik – doch nicht für einen spannenden Roman.
Der gravierendste Punkt allerdings ist der Titel. Ich habe mir von Die Alchimistin etwas anderes vorgestellt. Ich dachte, Aura wäre eine aktive Alchimistin, die forscht und experimentiert, wissensdurstig ist und der Leser daran teilhaben kann. Doch leider wird dieser Teil in Auras Leben nur kurz erwähnt, so dass der Leser sich sicher sein kann, dass es ihn gibt, doch wirklich miterleben kann der Leser dies nicht. Das liegt daran, dass Auras aktive Alchemisten-Phase in der Zeit spielt, indem wir sie gar nicht erleben, nämlich im Bruch zwischen den beiden Teilen des Buches. Ein ganz klarer Konstruktionsfehler, den ich nicht so wie die kleineren, einfach wegstecken kann.
Das Buch schließt mit drei ergänzenden wissenschaftlichen Aufsätzen von Hanka Jobke, von denen eigentlich nur der über die Entstehungsgeschichte des Buches wirklich interessant ist. Die anderen würde ich in die Schublade „Nur für Fans“ oder „Germanistik“ einsortieren. Eine nette, aber eigentlich überflüssige Ergänzung.

Fazit: Die Alchimistin ist ein starker Roman mit einer vielschichtigen Handlung und starken Charakteren, doch sowohl Handlung als auch Charaktere machen einige Wandlungen durch, die den Roman spannend und tiefgründig machen. Jedoch hätte es noch tiefgründiger sein können, wenn die guten Ideen Meyers ausführlich behandelt worden wären. So wirkt das Buch sehr gerafft, da vor allem der wirkliche alchimistische Part des Buches in die Bruchstelle der beiden Teile fällt. Es bleibt bei mir daher der Eindruck, dass hier unnötig viel von dem hervorragenden Potential verschenkt wurde. Doch das sind keine Schwächen, die einem den Genuss des Buches und auch dessen Fortsetzungen verderben – im Gegenteil, ich muss wissen, wie es weitergeht.

Buchdaten: Die Alchimistin – Kai Meyer
Genre: Fantasy

Taschenbuch
512 Seiten
Heyne
Erschienen: 11. Oktober 2011 
ISBN: 978-3-453-47111-5
Preis: 12,99€

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