Stephen King – Der Anschlag

Ein typischer neuer King – ganz nach meinem Geschmack

Zum Inhalt: Man stelle sich vor es gibt einen Durchgang in die Vergangenheit. Einen Durchgang der einen immer stets genau zum gleichen Zeitpunkt zurückbringt: Zum 9. September 1958, 11.58 Uhr. Ist es möglichen jemanden das Leben zu retten, indem man die Vergangenheit ändert? Was würde sich ändern, wenn es Lee Oswald am 22. November 1963 nicht gelingt John F. Kennedy zu töten? Ist die Geschichte, wie wir sie kennen, nicht passiert? Vielleicht eine Geschichte ohne Vietnam, ohne den 11. September – eine bessere Geschichte? Die Gelegenheit dies Herauszufinden erhält Jake Epping, Englisch-Lehrer an einer Kleinstadt High-School.

Meine Meinung:  Die Blicke wandern zu meinem Stephen King Regal. „Die liest nicht wirklich Stephen King, oder?“ – Auf meine Antwort „Natürlich!“, folgt nur ein sehr skeptischer Blick. Es scheint so zu sein, dass man King entweder lieben oder „schrecklich finden“ muss, ein Mittelding gibt es nicht. Dabei sind die Zeiten, in denen King nur Horror-Thriller schreibt lang schon vorbei.
Dieses Buch ist ein typischer neuer King.  Der Anschlag tritt eindrucksvoll in die Fußstapfen von Die Arena, in der King bereits ein umfangreiches, gesellschaftskritisches Werk vorgelegt hat. Ganz so gesellschaftskritisch ist Der Anschlag zwar nicht, aber ebenso ausführlich und umfangreich. Manch einer mag King vorwerfen, er schreibe zu langatmig und langweilig, doch gerade dies gefällt mir ungemein, doch würde ich nicht zu diesen Wörtern greifen. King schafft es durch ausführlichen, sehr detailliert beschriebenen Szenen eine geradezu herausragende Atmosphäre zu schaffen. Ich habe das Buch nicht nur gelesen oder vor meinem inneren Auge als Film ablaufen gesehen – nein, ich habe es regelrecht gelebt. Unterstützt wird dieses Erlebnis durch die Ich-Perspektive, die hier daher perfekt passt. Dazu ist es jedoch zwingend erforderlich die über 1000 Seiten recht zügig zu lesen. Das Leben in den späten 50er/frühen 60er Jahren ist wirklich eindrucksvoll geschildert. Hierbei und auch bei dem historischen Aspekt des Anschlags merkt man auch Kings gute Recherchearbeit.
Zeitreisen ist ein spannendes Thema, das jedoch aufgrund von kleinen Veränderungen der Geschichte schnell kompliziert und undurchsichtig wird. Die Rede ist dabei oft von Paradoxien und dem Butterfly-Effekt. Beides spielt bei King selbstverständlich auch eine Rolle, doch da das „Portal“ immer zu exakt demselben Zeitpunkt zurückführt, hat King hier auch einen neuen Aspekt aufgeführt. Hierbei hat mir besonders die Idee gefallen, dass die Vergangenheit bzw. die Geschichte sich selbst harmonisiert, d.h. es treten immer wieder Parallelen zu bereits vergangenen Handlungen oder begegneten Personen auf. Dies führt zu zwei Arten von Möglichkeiten beim Leser: Die erste besteht darin, dass manche ausgeklügelten Szenen oder kniffelige Zusammenhänge sofort erkannt werden und damit eine schöne und erfreuliche Voraussicht möglich macht. Die andere ist die, dass Jake – oder George, wie er sich in der Vergangenheit nennt, etwas versteht, was dem Leser nicht klar wird und so einige Zeit gerätselt werden muss, bis es sich aufklärt. Eine wirklich sehr gelungene und abwechslungsreiche Mischung.
Mein persönliches Highlight war jedoch, als Jake/George in der Vergangenheit in die Stadt Derry, Maine ging, um dort einen, ihm in der Zukunft bekannten, Menschen zu begegnen und seine Vergangenheit zu ändern. Derry ist der Schauplatz meines absoluten Lieblingsbuches ES und King hat es sich nicht nehmen lassen, Jake/George auf Figuren des Buches und selbstverständlich auch auf die „Geschichte“ des tanzenden Clowns Pennywise stoßen zu lassen.
Als kleinen Kritikpunkt könnte man anmerken, dass die eigentliche Geschichte – die Rettung Kennedys – recht spät erst anläuft und zu viel Zeit, Seiten und Worte damit „verschwendet“ werden, Jakes/Georges Leben in der Vergangenheit detailliert zu beleuchten. Doch da gerade mir dieser Aspekt so gefallen hat, stört mich das nicht im Geringsten.

Fazit: Der Anschlag ist ein typischer neuer King: Kein Horror, größtenteils nicht einmal ein Thriller, mit einem fantastischen Element, sehr ausführlich und detailliert und einfach nur genial. Wenn man es schafft es zügig zu lesen, bekommt man mehr als einen Film vor dem inneren Auge. Schade, dass es so lange dauert, so einen Wälzer zu schreiben, denn ich will mehr davon!

Buchdaten: Der Anschlag – Stephen King
Genre: Thriller

Originaltitel: 11/22/63
Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen
1054 Seiten
Heyne
Erschienen: 23.01.2012
ISBN: 978-3-453-26754-1
Preis: 26,99€

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6 Kommentare Gib deinen ab

  1. phantasienreisen sagt:

    Ich will das Buch auch schon so lange lesen, allerdings im Original, da mir das US-Cover und der Originaltitel mehr gefallen bzw. aussagekräftiger sind. Aber der Preis hatte mich dann doch immer etwas vom Kaufen abgehalten. Daher hatte ich nur mal kurz reingelesen. Dafür bin ich jetzt wirklich froh, endlich mal eine Rezension zu dem neuen King zu lesen. Und dass sie so positiv ausgefallen ist, macht mich natürlich jetzt noch neugierig auf das Buch.

    Liebe Grüße
    Kathrin

  2. Tanja sagt:

    Hallo Sabine,
    nachdem ich Olivers Begeisterung hautnah miterlebt habe, und er mir schon seit Wochen in den Ohren liegt: *Du musst, du musst… Lies „ES“! Und dann lies das und das.* Ich habe bisher nicht viel von King gelesen, außer Carrie und eine Sammlung Kurzgeschichten (zusammengefasst in einem Buch), welches ich mir irgendwann einmal gekauft habe – und ich weiß noch als Olli erstmals vom Projekt zu „11.22.63“ erfuhr, ist er schier durchgedreht.
    Was will ich dir eigentlich sagen, oder schreiben? Ich hab`s vergessen! Nein, Steppenwolf hatte Ollis Rezension kommentiert, und so habe ich darüber erfahren, dass ihr den dicken Schinken sogar fast zeitgleich gelesen habt. Ich muss Steppenwolf recht geben. Es ist immer interessant zu sehen, wie unterschiedlich Rezensionen geschrieben sind. Faszinierend! Deine Zeilen machen mich ebenfalls neugierig. Aber es muss erst einmal ein wenig Zeit vergehen.
    Derzeit begleitet mich eine Unlust, die begonnenen Bücher „Irgendwas geht immer“ und „Das Licht des Nordens“ weiterzulesen. Manchmal entpuppen sich angeblich spannende Bücher zu extrem langweiligen Zeitfressern. Und extrem lustige Bücher, die laut Klappentext einen charmanten rasanten Humor versprechen, sind so gezwungen lustig geschrieben, dass der Witz untergeht. Nachher muss ich Olli unbedingt von deinem Leseerlebnis mit dem neuen King berichten.

    Ich sende liebe Grüße.
    PS: Meine Zitate werden noch kommen!

  3. Jai sagt:

    Hallo,

    dieses Buch habe ich auch vor kurzem gelesen. Es war das erste Buch von King, welches ich komplett gelesen habe, und hat mir sehr gut gefallen.

    Mir ging es beim lesen häufig wie dir, dass ich mich richtig in das Buch hineingezogen gefühlt habe.

    Dein Blog gefällt mir übrigens auch 🙂

    LG
    Jai

    1. horrorbiene sagt:

      Schön, dass dir unser Blog gefällt. Und wenn dir Der Anschlag gefallen hat, solltest du vielleicht noch ein paare andere Kings lesen. Der dunkle Turm z.B. ist auch richtig prima, ist allerdings eine ganz andere Richtung. Die Arena war auch wirklich klasse, doch mein Lieblings-King ist immer noch ES!

  4. Jai sagt:

    „Die Arena“ steht auch auf meiner Wunschliste. Ansonsten stehen hier auch jede Menge Kings im Regal, weil mein Freund sehr viele Bücher von ihm hat. Ich kenne viele, die von ES schwärmen, aber das kann ich nicht lesen, weil ich keine Clowns mag.

    1. horrorbiene sagt:

      DEN Clown sollst du ja auch nicht mögen! 😉

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