Tad Williams – Otherland I – Die Stadt der goldenen Schatten

Eine Herausforderung an die Vorstellungskraft

Otherland 1Die Stadt der goldenen Schatten ist der erste Band eines Vierteilers mit dem Titel Otherland. Eine vollständige Auflistung erfolgt unten.

Zum Inhalt: OTHERLAND – ein virtuelles Universum, in dem die Phantasie Wirklichkeit wird. Das gigantische Netzwerk wurde von reichen, skrupellosen Männern erschaffen, die sich in der mysteriösen „Gralsbruderschaft“ zusammengefunden haben. Ihr Ziel: als digitale Wesen in der virtuellen Realität unsterblich zu werden. Und dafür benötigen sie die wertvollsten Ressourcen  der Erde – ihre Kinder. Angelockt von der Vision einer goldenen Stadt versammeln sich neun Gefährten, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, in der virtuellen Welt, um sich dem Bösen entgegen zu stellen … (Klappentext)

Meine Meinung: Um es vorweg zu nehmen, das Buch bekommt bei mir fünf von zehn möglichen Punkten, was nach unserem Bewertungsschema bedeutet, dass sich negative und positive Eindrücke die Waage halten. Der erste Teil des Otherland-Vierteilers ist ein Paradebeispiel für eben diese Bewertung, denn es gibt viele Punkte, die hier überaus gelungen sind und mich verstehen lassen, wieso so viele von dieser Serie schwärmen. Andererseits hätte ich das Buch beinahe nicht zu Ende gelesen, war es mitunter doch so anstrengend und merkwürdig. Gerade der Einstieg in das Buch wird dem Leser überhaupt nicht einfach gemacht. Der Prolog ist gar so skurril, dass ich dachte, ich hätte ein falsches Buch erwischt. Das Buch ist jedenfalls geprägt durch die Teilung in verschiedene Handlungsstränge, die eine lange Zeit einen gemeinsamen Nenner vermissen lassen und auch erst ganz zum Schluss zusammen laufen, dabei ist im Klappentext schon von „Gefährten“ die Rede…  Nun ist es jedoch so, dass die verschiedenen Handlungsstränge unterschiedlich gut zu lesen sind und sich manche Teile prima lesen lassen und manche zäh fließen wie Gummi. Ich möchte den Fokus dieser Rezension auch gerade auf diese Stränge richten:

Den größten Raum der Erzählung nimmt die Handlung um Renie und !Xabbu ein. Renie ist Dozentin an einer Technischen Universität in Durban, Südafrika und !Xabbu ist einer ihrer Schüler. Die Besonderheit liegt bei ihm in seiner Herkunft: Er ist ein Buschmann, einer der eher kleinwünchsigen Ureinwohner Südafrikas, von denen kaum noch jemand nach den ursprünglichen Stammesregeln lebt. Im Laufe der Geschichte bringt Renie so dem in diesem Bereich sehr unerfahrenen !Xabbu das Netz näher. Renies jüngerer Bruder Stephen ist eines Tages nach ausgiebigen Ausflügen ins Netz in ein den Ärzten unerklärliches Koma gefallen, aus dem er nicht mehr erwacht. Sie setzt nun alles daran, herauszufinden, was Schuld trägt an Stephens Zustand und wie man ihn wieder rückgängig machen kann. Als sie einen merkwürdigen Hinweis auf eine goldene Stadt entdeckt, scheint die Spur immer wärmer zu werden. Ständigdabei !Xabbu, der ihr mittlerweile zum Freund geworden ist.
Zusammen mit !Xabbu wird der Leser in die bizarre Netzwelt und somit auch in einen entscheidenden Teil des Buches eingeführt. Zwar wurde noch immer mit zu vielen neuen Ausdrücken um sich geworfen, doch mir war es so möglich langsam in die Materie einzutauchen und das Netz besser zu verstehen – und eines muss ich wirklich sagen: Diese Netzwelt zu verstehen und mir vorzustellen, was die Charaktere dort sehen und erleben, ist mir wirklich nicht leicht gefallen, weil sie so extrem anders ist, als die bekannte Welt. Die Welten, z.B. Mister J‘s, in die die beiden abtauchen, sind mir persönlich zu skurril und ich konnte überhaupt nichts damit anfangen. Dass dieser einführende Teil sehr in die Länge gezogen wirkte tat ihr Übriges dazu bei, dass mir die Freude am Lesen dieses Buch sehr schnell abhandenkam und ich es am liebsten abgebrochen hätte. Da ich aber so viel Gutes gehört hatte, wollte ich dem Buch eine Chance geben und kämpfte mich durch. Da dieser Handlungsstrang jedoch als der Hauptstrang bezeichnet werden kann, war es umso besser, dass ich irgendwann den Dreh fand und mich mit den Charakteren anfreunden konnte. Gegen Ende wurde die Handlung sogar spannend und das Lesen machte mir Spaß. Dennoch täuscht dies nicht über den sehr anstrengenden Anfang hinweg. Neben dem schweren Einstieg in die Netzwelt war jedoch noch ein Punkt entscheidend dafür, dass ich mit den Charakteren nicht schnell grün wurde. Diese Handlung spielt in Südafrika. Auch wenn dieser Teil sich wahrscheinlich nicht sehr von den mir bekannten „Welten“ unterscheidet, hatte ich dennoch Schwierigkeiten mir geografisches, soziales und kulturelles Umfeld vorzustellen und alles blieb mir fremd. Verschlimmernd kommt hinzu, das Williams hier einen Schwerpunkt auf die Buschmann-Kultur gelegt hat und diese aussterbende Kultur dem Leser näher bringen möchte. Eigentlich ein hehres Ziel, doch es erschwerte mir den Zugang zum Buch noch mehr. Buschmann, Südafrika und Netzwelt, das war zu viel für mein inneres Auge und meiner Vorstellungskraft.

Die nächstwichtige Handlung ist die des Teenagers Orland und seinem Netzweltgefährten Fredericks. Der Leser lernt Orlando allerdings als Thargor kennen, eine Figur, die Orlando im Netz spielt. In der Netzwelt Mittland hat der muskelbepackte und als Meisterkämpfer geltende Barbar den Dieb Pithlit als Gefährten. Als Thargor sieht Orlando zum ersten Mal die goldene Stadt und ist davon so in den Bann gezogen, dass sein Sim Thargor daraufhin stirbt. Zunächst sich dafür einsetzend Thargors Tod zu annullieren, gerät er jedoch persönlich in den Bann der Stadt und begibt sich zusammen mit Fredericks auf die Suche nach ihr.
Dieser Handlungsstrang hat mir am besten gefallen, wusste ich doch sofort worum es geht und konnte mich kulturell in die Figuren einfühlen. Ihnen wird die Suche zwar nicht einfacher gemacht, aber dadurch wachsen die beiden jahrelangen Freunde aus der Netzwelt näher zusammen. Stundenlang haben sie gemeinsam gekämpft und dabei einen entscheidenden Faktor voneinander stets nicht gewusst. Dies wird nach und nach auch erst dem Leser klar, was hervorragend ein Bild zeichnet, in welche Richtung die heutige Gesellschaft sich ebenfalls entwickelt.

Der letzte wirkliche große Handlungsstrang ist der Pauls. Ihn hat der Leser bereits im Prolog kennengelernt und begleitet ihn nun durch so manche skurrilen Begegnungen. Die Personen benehmen sich eigenartig, können nie über den Fluss gehen und auch Paul scheint sich nicht zu erinnern, wer er eigentlich ist. Daher konnte ich seiner Erzählung im Grunde überhaupt nicht folgen. Ich habe nichts verstanden und habe beinahe Kopfschmerzen vor Ärger bekommen, was dazu geführt hat, dass ich seine Handlung nur noch quergelesen habe, was ich sonst eigentlich nie mache, und so wie ich es empfunden habe, auch rein gar nichts verpasst habe. Lediglich als Paul in einer Art „Wunderland“ á la Alice war, konnte ich der Geschichte halbwegs folgen. Nachdem ich das Ende gelesen habe, verstehe ich, wieso auf die Handlung von Paul so viel Wert gelegt wurde und dass er scheinbar für die zukünftige Erzählung auch ganz wichtig werden wird,  aber ich habe auch gemerkt, dass es absolut nicht schlimm war, dass ich nicht alles gelesen habe, denn die Quintessenz (Paul ist wichtig) habe ich auch so verstanden, dafür hätte man seine Geschichte nicht so dermaßen breit treten müssen.

Des Weiteren bekommt der Leser kleine Einblicke in die Hintergründe der Geschichte ohne dies zunächst zu wissen. So werden u.a. Episoden der Gralsbruderschaft gezeigt und ein kleines Mädchen hilft einem offensichtlich hilflosen Mann, den sie als ihren Freund bezeichnet. All diese Dinge konnte ich während des Lesens noch in keinen Zusammenhang bringen und es blieb so leeres Wissen. Erst als gegen Ende klar war, für wen z.B. Dread arbeitet und welche Rolle der alte Mann im großen Ganzen spielt, wurden diese Episoden sinnhafter, dennoch fühlten sie sich ohne Zusammenhang überflüssig an. Nun mit dem Wissen des Ausgangs des Buches ist vieles deutlicher und eine zweite Lektüre würde mir mehr Aufschluss bringen, doch dazu habe ich derzeit keine Lust. Klar ist jedoch eines: Am Ende fügt sich alles zusammen und legt einen Grundstein für die Fortführung des Vierteilers.

Ein ganz entscheidender Kritikpunkt ist eindeutig der, dass Williams sich zu lang gefasst hat. 990 Seiten in regelrechter Bonsaischrift sind zu viel des Guten. Hier hätte man rigoros herauskürzen können, denn inhaltlich ist gar nicht so viel passiert, dass es 990 Seiten rechtfertigen würde. Dabei bin ich eigentlich ein Verfechter der atmosphärenaufbauenden Ausführlichkeit, doch hier wären 500 Seiten bei weitem ausreichend gewesen.
Nichts desto trotz hat die Geschichte gerade gegen Ende an Fahrt aufgenommen und mich interessiert auch sehr, wie es weitergeht und ob sie es schaffen, die komatösen Kinder zu retten, doch erst einmal brauche ich eine Pause von Otherland.

Fazit: Die Stadt der goldenen Schatten leidet, was ich jedoch erst rückblickend betrachtend feststellen konnte, unter dem Auftakt-Band-Problem, denn der Grundstein für die Fortsetzungen muss erst einmal gelegt werden. Dies geschieht hier leider wenig geschickt, dass viele Handlungsstränge und Perspektiven zu lange parallel existieren und der Zusammenhang erst im Finale deutlich wird. Da das Buch extrem umfangreich ist, ist das Wissen über die verschiedenen kleinen Perspektiven daher leer geblieben und haben mich eher gelangweilt, als dass ich Puzzleteile sammeln konnte, dich ich dann zusammensetzen musste. Neben der wirklich zu lang geratenen Geschichte waren vor allem die mitunter zu skurrilen Episoden ausschlaggebend dafür, dass ich anfangs keine Freude am Lesen fand. Es war viel Neues, das eingeführt wurde, aber auf eine Weise, die es mir nicht möglich machte, eine genaue Vorstellung davon zu bekommen. Dass auch noch für mich fremde Kulturen einen so hohen Stellenwert hatten, tat ihr Übriges dazu bei, dass ich beinahe aufgegeben hätte. Dennoch waren manche Handlungsstränge dann doch so unterhaltsam, dass ich weiterlas und so erleben durfte, wie sich alles am Ende zusammenfügte und die Handlung an sich spannend und damit einfach lesbar wurde.

Bewertung_05_hBuchdaten: Otherland. Die Stadt der goldenen Schatten – Tad Williams
Genre: Fantasy
Taschenbuch
992 Seiten
Heyne
Erschienen: 2. September 2005
ISBN: 978-3-453-53075-1
Preis: 9,95€

Der Vierteiler in der Übersicht:

Otherland 1 Otherland 2 Otherland 3 Otherland 4
Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4
Rezension Rezension Rezension Rezension
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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. buchwelten sagt:

    Ich habe auch kürzlich die gesamte Reihe gelesen und ich bin eine der Leserinnen, die absolut hin und weg war 🙂 Auch nach knapp zwei Wochen beschäftigt mich die Geschichte immer noch und ich glaube darum werde ich auch noch eine Rezension schreiben, wenn auch nur für mich – zusammenfassend.
    Für mich war Otherland absolut hochwertiges Kopfkino, in dem so viel steckt und verarbeitet ist.

    Auch wenn du anders über – zumindest den ersten Band – denkst, finde ich Deine Rezension sehr gut und ausführlich und ich vestehe auch gut, was Du meinst.

    Liebe Grüsse
    Marion

    1. horrorbiene sagt:

      Ich werde die anderen Teile auf jeden Fall auch noch lesen! Möcht ja nun doch wissen, wie es nun weiter geht! Dass dir die Serie so gut gefallen hat, macht mir auf jeden Fall Mut!
      Danke für das Lob zur Rezi! 🙂

      1. buchwelten sagt:

        Ich bin gespannt auf deine Meinungen zu den Fortsetzungen.
        Im Vorwort zu Teil II hat Tad Williams erklärt wie schwer es war, die Teile zu trennen, da es eigentlich ein Ganzes ist.
        Liebe Grüsse
        Marion

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