Stephen King – ES

Eine Hommage an die Kindheit

EsZum Inhalt: 1957 hat alles begonnen: Der kleine Georgie ist das erste Opfer. Und dann bricht es wie die Pest über die Stadt Derry herein, eine Gräueltat folgt der anderen… Über 25 Jahre später: Mike Hanlon ruft sechs Freunde zusammen und erinnert sie an den Schwur, den sie einst geleistet haben. Sollte Es, das namenlose Böse noch einmal auftauchen, wollen sie sich wieder in Derry treffen. Damals sind die Freunde in die Abwasserkanäle gestiegen, als Knder haben sie Es gejagt und zu töten versucht. Aber Es wurde nur verletzt. Und jetzt geht das Grauen wieder um, daran besteht kein Zweifel. Einer der Freunde kann zum Treffen nicht mehr kommen. Er liegt blutverschmiert in seiner Bandewanne. Offensichtlich Selbstmord… (Buchbeschreibung im Buch)

Der erste Satz: „Der Schrecken, der weitere 28 Jahre lang kein Ende nehmen sollte – wenn er überhaupt je ein Ende nahm – begann, so viel ich weiß und sagen kann, mit einem Boot aus Zeitungspapier, dass einen überfluteten Rinnstein entlang trieb.“ S. 11

Meine Meinung:  Im Gegensatz zu den neuen Kings ist dies hier ein alter – genauer gesagt wurde ES zwischen 09/1981 und 12/1985 geschrieben. Damit ist das Buch in seinen Grundzügen nur minimal jünger als ich. Ein alter King ist ES auch in dem Sinne, dass es sich hierbei um einen Horrorroman handelt. Nichtsdestotrotz hat er die gleichen Qualitäten, wie die neueren Kings, doch dazu später mehr. Ich liebe dieses Buch. Ich habe es nun fünf mal gelesen, wobei das letzte Mal auch schon zehn Jahre her ist. ES ist ein Buch, mit dem ich vor allem Sommer und meine Jugendzeit verbinde. Und ja, mein Nickname kommt auch ein klein wenig daher…

EsDa es ja nun einmal so ist, dass ich – wenn das Lieblingsbuch so ein alter Schinken ist – auch verschiedene Ausgaben des Buches besitze (siehe Foto), hat es mich bei diesem Lesedurchgang zu Beginn als erstes brennend interessiert, wieso da wohl im Buch steht neubearbeitete, erstmals vollständige Taschenbuchausgabe„. Wie jetzt?! ERSTMALS vollständig? Was habe ich denn da vorher gelesen?! Also habe ich prompt beim Lesen des zweiten Kapitels (das erste ist pure Poesie, das wollte ich mir nicht kaputt machen…) alle meinen Ausgaben parallel angeschaut. Blöd nur, dass die alle aufgrund der Seitenzahlen so dermaßen unhandlich waren. Festgestellt habe ich folgendes: Meine rote XXL-Ausgabe von 1987 ist im Prinzip genau gleich der Jubiläumsausgabe von 2003. Bei der aktuellen steht aber tatsächlich mehr drin! Aber nicht in dem Sinne, dass ganze Sinnabschnitte oder Episoden neu dazugefügt wurden, stattdessen wurde das Buch nun 1:1 aus dem Englischen übersetzt (eine englische Ausgabe habe ich selbstverständlich auch). Bei der ersten Übersetzung wurden nur einzelne Sätze ausgelassen oder zusammengefügt. Aber immerhim kommt bei einem solch langen Text so schon knapp 400 Seiten mehr Buch heraus. 400 Seiten – das ist länger als die meisten Krimis. Als ich das festgestellt habe, habe ich mich sehr gefreut und mich dazu beglückwünscht diese neue Ausgabe erstanden zu haben und nicht meine alte XXL-Ausgabe gelesen zu haben, die aber zweifelsohne viel, viel besser – und zum Buch passender – riecht. Das einzige, was mich an der Übersetzung – gerade im ersten Kapitel – gestört hat, ist dass die Witcham Street auf einmal Witcham Road heißt. Blöd. Dies mag zwar nur wie eine Kleinigkeit klingen, aber wenn ich dieses Buch lese, ist es so, dass wenn die Kinder zum Zuge kommen, ich dieses Buch lebe und da will ich nicht, dass meine Straße auf einmal anders heißt!* Dies ist vor allem doof, wenn es im Original tatsächlich eine Witcham Street UND eine Witcham Road gibt… so ergab besonders ein Satz nicht mehr viel Sinn, als es dann von der Witchem Road zur Witcham Road ging…

Das Buch ist von seinem Aufbau her schon ein einziges Kunstwerk. Zwar ist das Buch im Groben in fünf Teile, fünf Zwischenspiele und einen Epilog aufgeteilt, bei denen man schnell erkennt, in welcher Zeit welcher Abschnitt spielt, aber dennoch wird immer der Bogen von der Kindheit zur Erwachsenenzeit gezogen. So gibt es im Abschnitt der Kinder, als es z.B. um deren erste Begegnung mit ES geht, einen einleitenden Teil des jeweilgen Erwachsenen, der sich an seine Kindheit erinnert. So wird jeder Charakter abgearbeitet und man lernt dadurch wirklich jeden kennen und schätzen – außer vielleicht Stan, aber das hat andere Gründe (s. Inhalt). Das ganze ist besonders im Finale des Buches sehr schön auf die Spitze getrieben, da die Erwachsenen ihre Erinnerungen an die erste Begegnung erst stückweise zurückerhalten – der Leser bekommt dies hautnah mit – und die Erinnerungen an den letzten Kampf der Kindheit erst beim letzten Kampf der Erwachsenen wieder erlangt wird, erlebt man das Finale als Leser so zu sagen doppelt. Das hat mir wirklich gut gefallen, vor allem, da die meisten Übergänge wirklich fließend gestaltet sind, eben wie bei einer richtigen Erinnerung.

Ich habe das Buch nun schon oft gelesen und ich kann mich erinnern, dass bereits beim ersten Mal ein sehr starker Zauber auf mich gewirkt hat. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass King sich in diesem Buch viel Zeit lässt um seine Charaktere zu formen und sie dem Leser nahe zu bringen. Sicher, die erste Konfrontaion mit ES passiert bereits im ersten Kapitel, doch dann dauert es eigentlich sehr lange, bis die nächste gruselige Szene kommt. Ohnehin ist dies kein Buch, bei dem Horror auf Horror folgt, stattdessen ist es eigentlich viel mehr so wie ein klassischer Thriller, bei dem der Mörder übernatürlich und sehr brutal ist. Obwohl ES und der Kampf gegen ES natürlich absolut zentral sind, liegt der Schwerpunkt eigentlich mehr auf anderen Dingen. So schreibt King hier sehr ausführlich und schafft es durch seine ausführliche und atmosphärische Art zu schreiben, die Welt der Kinder aus dem Jahre 1958 vor den Augen des Lesers auferstehen zu lassen. ES ist wie eine Zeitreise in die 50er Jahre.
Doch durch die Rückblenden und Erinnerungen an die Kindheit der Charaktere bekommt das Buch einen zusätzlichen Zauber (anders kann ich es nicht ausdrücken) und King schreibt so eine Hommage an die Kindheit, Freundschaft und die Sommerferien und das trotz der ganzen Grausamkeiten, die in diesem Buch passieren. Im Prinzip ist es etwas merkwürdig als Erwachsener ein Buch zu lesen, in dem Kinder die Hauptrolle spielen und das Buch kein Jugendbuch sein will. Ich weiß nur, dass ich mich mit 12/13 mit diesen Kindern wirklich identifizieren konnte und ich die Geschichten der Erwachsenen eher langweilig fand. Heute sehe ich das zwar nicht mehr so, aber die Passagen mit den Figuren als Kindern, sind mir dennoch am liebsten. Ich finde King ist es wunderbar gelungen den Zauber der Kindheit einzufangen. Doch gerade durch die Geschehnisse, gelingt es den sieben völlig unterschiedlichen Kindern zu einer Gemeinschaft zusammen zu wachsen, die ihre eigene Dynamik etwickelt und einfach nur Spaß macht, darüber zu lesen.
Wer also auf einen reinen Horrorschinken hofft, wird bei ES sicher enttäuscht sein, denn ES ist mehr als das.

Kinder, Bücher sind Wahrheiten inmitten von Lügen, und die Wahrheit dieses Buches ist schlicht und einfach: Der Zauber existiert. (Aus der Widmung)

Fazit: Zwar ist ES eindeutig ein Roman, der in die Horror/Thriller-Sparte gehört, dennoch ist ES viel mehr als das. ES ist wunderbar atmosphärisch geschrieben und lässt die späten 50er Jahre wieder auferstehen. ES ist trotz aller Grausamkeiten eine Hommage an die Kindheit, an die Besonderheiten einer kindlichen Gemeinschaft und an die Sommerferien. ES ist stilistisch genial aufgebaut mit zahlreichen Rückblenden und Einschüben, so dass man als Leser meint, die Charaktere wirklich zu kennen und Derry sei eine Stadt nebenan, zu der man einfach mal kurz hinfahren könnte. ES ist schlicht und einfach mein Lieblingsbuch.

Bewertung_10_hBuchdaten: ES Stephen King
Genre: Thriller

Originaltitel: IT
Taschenbuch
1534 Seiten
Heyne
Erschienen: 08. Februar 2011
ISBN: 978-3-453-43577-3
Preis: 12,99€

*In diesem Moment verstehe ich das ewige Lamentieren über die Neuübersetzung von Das Lied von Eis und Feuer von George R.R. Martin sehr gut!

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11 Kommentare Gib deinen ab

  1. Kathrin sagt:

    Danke für die Rezension!Ich bin eigentlich erst in diesem Jahr so wirklich neugierig auf Kings Bücher geworden – allerdings liegen sie vorerst noch auf dem SUB. Mein Eindruck zu „Es“ ist nun ein ganz anderer: Ich dachte immer,mich würde hier eine reine Horrorgeschichte erwarten – nie hätte ich gedacht, dieser Aspekt der Kindheit darin so bedeutend sein kann und das Buch dem Leser so auch Gefühle jenseits des Gruselns beschert.

    Interessant fand ich aber vor allem den Aspekt mit den Kürzungen, da ich das selbst auch schon bei anderen Büchern gesehen habe und mich jedes Mal ärgere, wenn ein Buch – in dem bei der Übersetzung teilweise ganze Absätze wegfallen – trotzdem unter der Bezeichnung „ungekürzt“ verkauft wird.

    Habt einen guten Start ins Wochenende!

    Liebe Grüße

    1. horrorbiene sagt:

      Danke für den Kommentar
      😉
      Ich liebe dieses Buch einfach! Es ist aber auch echt ein Schinken. Es würde mich freuen, wenn du es mal lesen würdest 🙂

  2. Biner sagt:

    Hey Biene,
    diese Rezension hat mich überzeugt, dass ich das Buch auch mal lesen – und meinen persönlichen Horror vor Horrorszenen mal überwinden sollte. 😉
    LG, Bine

    1. horrorbiene sagt:

      Das freut mich. Und deine Meinung würde mich auch sehr interessieren!

  3. laberladen sagt:

    *Seufz* … Ich besitze auch die rote XXL-Ausgabe und habe sie gelesen, als sie frisch herauskam. Vor einigen Monaten habe ich das ungekürzte Hörbuch gehört, zum Auffrischen, für zwischendurch. Und jetzt kämpfe ich wirklich schwer, um nicht sofort die neue, „erstmals vollständige“ Ausgabe auch noch zu kaufen. Vermutlich habe ich diesen Kampf aber schon verloren.
    Vielen Dank für die Rezi und das „Appetit machen“.
    LG Gabi

    1. horrorbiene sagt:

      Das freut mich!!! 🙂
      Wie ist denn das Hörbuch ? Bezieht sich die ungekürzte Lesung denn auch auf die neue vollständige Ausgabe?

      1. laberladen sagt:

        Ich hab die ungekürzte Lesung von audible gehört, die von 2011 ist, genau wie die Neuauflage des Buches. Das Hörbuch hat auch das gleich Coverbild. Also auch wenn ich nirgends direkt eine Info darüber gesehen habe, müsste das Hörbuch die Neuauflage als Grundlage haben. Ich könnte ja mal reinhören und parallel die rote Ausgabe lesen … aber beim Nur-Hören sind mir keine Unterschiede aufgefallen, sicher kein Wunder, denn am Inhalt scheint ja nichts geändert worden zu sein.

      2. horrorbiene sagt:

        Stimmt. Ja cool, vielleicht werde ich mir die auch noch besorgen.

  4. Tintenelfe sagt:

    Das ist ja mal interessant! Ich habe „Es“ auch unheimlich gern gelesen, allerdings nur zwei Mal und es ist auch schon ewig her. Als Teenager hatte ich eine intensive Stephen-King-Phase, und im Kunstunterricht habe ich immer versucht, seine Bücher einzubauen. So mussten wir mal eine Gipsmaske gestalten, meine war Pennywise und ein Plakat zu „Brennen muss Salem“ habe ich auch mal gestaltet. Das kam dann über meinen King-Schrein.
    Die neueren Bücher der letzten Jahre habe ich gar nicht mehr gelesen. Deine Rezension ist übrigens toll und die zusätzlichen Infos zur Ausgabe höchstinteressant. Mir würde das mit so vielen Jahren Abstand gar nicht auffallen. Nun bin ich natürlich auch an der neuen Ausgabe interessiert. 🙂

    LG, die Tintenelfe

    1. horrorbiene sagt:

      Ist mir auch erst im direkten Vergleich aufgefallen. 😉
      Die neuen Kings sind aber auch zu empfehlen! Besonders die Arena und der Anschlag.

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