Timur Vermes – Er ist wieder da (gelesen von Christoph Maria Herbst)

Kontrovers, nicht unlustig, aber auch kein Geniestreich

Er ist wieder daZum Inhalt: Im Jahr 2011 wacht Hitler in Berlin wieder auf und sieht sich schlagartig mit einer anderen Zeit konfrontiert, für ihn also mit einer knapp 66 Jahre entfernten Zukunft. Er wird zufällig von zwei Fernseh-Agenten entdeckt und seine Person für eine perfekt einstudierte Parodie des Führers gehalten. So gelangt er ins Comedy-Geschäft in dem Glauben seine Propaganda über den Bildschirm verbreiten zu können und was für ihn natürlich ernst ist, fasst das Publikum als meisterhaft komödiantische Leistung auf, was dem Sender traumhafte Einschaltquoten beschert.

Meine Meinung: Tja, anfangs war ich schon skeptisch. Was soll man nun davon halten? Letztlich war es doch überraschend lustig, musste oft lachen und auch schlucken aber ich brauchte auch eine Zeit, um ein wenig darüber nachzudenken. Denn die Frage ist: Was passiert hier eigentlich? Immerhin ist hier Adolf Hitler Protagonist und Ich-Erzähler. Man ertappt sich zwangsläufig dabei, wie man sich mit dem Hauptcharakter identifiziert, was bei dieser Perspektive ja auch gewünscht ist. Nur, will man das bei Hitler? Er wird hier doch zunächst arg verharmlost dargestellt, was den Prozess der Identifikation noch begünstigt, jedoch gibt es so manchen Witz, der zwar zündet, aber dem Leser bzw. Hörer dann doch sauer aufstößt. Denn dieser Balanceakt ist nicht in allen Passagen unbedingt in Vollendung gelungen. Im Nachhinein war nicht alles zum Lachen, ja es bleibt einem rückwirkend an vielerlei Stellen förmlich im Halse stecken.
Der Sachverhalt, dass Hitler plötzlich in unserer Zeit erwacht ist komisch, zumindest empfinde ich es so, stets mit einer gewahrten Distanz zur historischen Person Hitler. Unweigerlich musste ich an etlichen Stellen lachen. Über was man da eigentlich lacht, darüber sollte man sich aber mal Gedanken machen. Es ist nicht nur die Tatsache, dass Hitler, alles was er tut vollkommen ernst meint, sondern auch, dass das niemand sonst erkennt. Und auch, wenn dieser Hitler nun ein Comedy-Star ist, hat er es doch geschafft, diverse Leute in seinem neuen Gefolge zu haben, die sich ganz offenkundig und bereitwillig von ihm führen lassen. Faszinierend ist auch, dass, je extremer und rassistischer Hitlers Aussagen werden desto mehr Ironie dichtet ihm das Publikum an. Hitler ist hier oft zu sympathisch und dazu noch überraschend humorvoll, sodass man nicht primär über ihn – sondern mit ihm lacht.
Man ertappt sich vor allem dabei, wie man mit dieser Person mitfühlt und durchaus die eine oder andere Ansicht, die er vertritt, sogar gut nachvollziehen kann. Klingt zunächst gruselig, aber es sind dann auch nur Banalitäten, die nichts mit ausschließlich rechtsextremem Gedankengut zu tun haben. Beispielsweise liegt Hitler viel an der Gesundheit seiner deutschen Mitmenschen, darum ist er Vegetarier und sehe das bei anderen auch gern, nur eben aus dem falschen Wunsch heraus. Für ihn müssen die Deutschen eben deswegen gesund sein, damit sie gesunde Kinder gebären – und Kriege führen können. Da ist die Grundidee des gesunden Menschen natürlich gut, nur die Absicht ist zu verurteilen.
Daneben gibt es einige langgezogen wirkende Abschnitte, an die ich mich driekt nach dem Hören schon nicht mehr erinnern konnte. Womöglich wäre das beim Lesen noch schlimmer aufgefallen, denn das Hörbuch ist ja bereits bearbeitet und gekürzt.
Der Text ist eine Satire und zu aller erst bekommen hier die Medien ihr Fett weg, aber auch die Politik und nicht zuletzt die Gesellschaft, die in ihrer grenzenlosen Naivität Hitler als Comedy-Clown abtut, was mich das Buch letztlich als eine Art Mahnung sehen lässt. Das ist für mich die Kernaussage neben aller Kritik an zuvor genanntem. Wenn nur zur rechten Zeit einer daherkommt, der in dem Moment die richtigen Argumente hat, dann ist es doch mit dem „nie wieder“ weit her. Das zeigt Vermes dann doch sehr beeindruckend.

Fazit: Kontroverses Buch mit Botschaft, dass auf der einen Seite gut unterhält und auch amüsieren kann, aber doch letztendlich auch deutlich aufzeigt in was für einer Gesellschaft wir eigentlich leben. Man sollte Vermes‘ Text auf jeden Fall nicht gleich verurteilen. Es ist kein Geniestreich, aber es lohnt dennoch sich Gedanken darüber zu machen. Ob ich es als reines Buch ertragen hätte, glaube ich indes nicht, das Hörbuch steigert den Unterhaltungsaspekt enorm, dank C. M. Herbst.

Buchdaten: Er ist wieder da – Timur Vermes (gelesen von Christoph Maria Herbst)Bewertung_07_s
Genre: Satire
Hörbuch
896 Seiten
Heyne
Erschienen: 21. September 2012
ISBN: 978-3785747414
Preis: zunächst 19,33€, derzeit bei ca. 14,99€

Auch als Hardcover-Buch (ISBN: 978-3847905172) für 19,33€ erhältlich.

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. pzychobunny sagt:

    Mir gings da ähnlich und ich fands irgendwie befremdlich ein modernes Buch zu lesen, wo Hitler der Protagonist ist. Gelesen hab ichs allerdings noch nicht (Uni + Arbeit = wenig Bücher :'(), aber meine Eltern waren so begeistert davon, dass sie sogar in eine Lesung gegangen sind. Ich bin wirklich schon sehr gespannt darauf, was ich von dem Buch halte.

    1. horrorbiene sagt:

      Und wir auch! Schreib uns dann doch einfach noch mal! 😉

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