Tanja Meurer – Glasseelen

Gute Idee, mäßige Umsetzung

Glasseelen ist der Auftaktband einer Reihe mit dem Namen Schattengrenzen. Eine Auflistung der bisher erschienenen Reihentitel erfolgt >>hier<<.

GlasseelenZum Inhalt: Für die 19-jährige Camilla und ihre Freundin Theresa endet ein Museumsausflug mit einem Schock. Ein Mann stürzt sich vor ihren Füßen zu Tode. Seine Augen lösen sich in Staub auf, aus seiner Hand rollen blutige Augäpfel. Steht der Suizid in Zusammenhang mit einem wahnsinnigen Mörder, der sein Unwesen in Berlin treibt? Bereits mehrere junge Frauen sind ihm zum Opfer gefallen. Die verstümmelten Leichen verbindet ein grausiges Merkmal: herausgeschnittene Augen.
Obwohl sich Camilla und Theresa unter der Betreuung einer Psychotherapeutin und der Polizei in Sicherheit wähnen, nimmt der Serienkiller sie ins Visier. Von Panik getrieben gerät Camilla in die Unterwelt der Hauptstadt und stößt auf rätselhafte Menschen. Können der greise Amadeo oder der attraktive Chris sie vor ihrem fanatischen Verfolger retten? Mit dem Namen „Sandmann“ gibt Chris ihr einen entscheidenden Hinweis, doch der Killer ist nicht leicht zu überlisten. Um seinen Attacken zu entkommen, muss sich Camilla nicht nur ihrem Peiniger stellen. Sie entdeckt eine übersinnliche Fähigkeit, die vielleicht besser im Verborgenen geblieben wäre … (Quelle)

Meine Meinung:  Die Beschreibung hat mir sehr gefallen, weshalb dies auch eines der wenigen Bücher kleinerer Verlag ist, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Allerdings hat es dann doch leider sehr lang darauf warten müssen bis ich es gelesen habe, was daran liegt, das ich bisher mit Büchern von kleinen Verlagen oder gar selbstverlegten recht schlechte Erfahrungen gemacht habe. Sie wirkten zumeist unfertig und unausgegoren.
Gerade zu Beginn dieses Buches fand ich meine Vorurteile bestätigt. Die Geschichte verläuft viel zu schnell, bevor ich einen Zugang zu den Charakteren gefunden hatte, ging die Action bereits los. Alles verlief Schlag auf Schlag und blieb dabei leider auch noch meiner Meinung nach unlogisch. So wird berichtet, dass Camilla und Theresa Erfahrungen mit übersinnlichen Phänomenen haben und ein Beispiel aus Kindertagen wird aufgeführt. Ob und wie weit diese Thematik auch die Teenager beschäftigt hat, wird nicht erwähnt. Hier hätte viel mehr erklärt werden können, was dazu geführt hätte, das der Leser auch besser in die Übersinnlichkeits-Thematik eingeführt worden wäre und die folgenden Ereignisse nicht so platt dahergekommen wären. So konnte ich leider Camillas Verhalten gegenüber dem Polizisten Grimm überhaupt nicht nachvollziehen. Camilla spürte zwar von Beginn an, dass etwas mit ihm nicht ganz koscher war, aber Hals über Kopf vor ihm davon zu laufen, wenn doch eine Psychologin und ein anderer Polizist dabei sind, ist völlig unlogisch. Sie begibt sich – völlig verängstigt – vom sicheren Territorium und Sicherheit bietenden Menschen weg und stürmt in die Katakomben der Charité. Sicher, ich verstehe, warum die Autorin Camilla da hinunter haben wollte, schließlich sollte sie Ancienne Cologne entdecken, aber auf diese Weise wirkte es extrem gehetzt – ganz nach dem Motto Hauptsache die Protagonistin dahin bekommen, wo ich sie haben möchte. Hier hätte viel langsamer und subtiler vorgegangen werden sollen. Stattdessen folgen Ereignisse auf Ereignisse. An dieser Stelle hätte ich nach der ganzen Überhast das Buch am liebsten weggelegt, aber ich wollte zumindest die Hälfte lesen, bevor ich eine solche Entscheidung ernsthaft in Erwägung gezogen hätte.
In Ancienne Cologne, einer geheimen Stadt unterhalb Berlins, angekommen, passieren wieder viele unlogische Dinge oder Dinge, die ich nicht nachvollziehen kann. Hier zwei Beispiele, die mich besonders gestört haben: Zum einen erwacht die 19-jährige Camilla nach der Flucht nackt in der Gegenwart eines jungen Mannes, der die Augen nicht von ihren Brüsten lassen kann, sie denkt nicht einmal daran sich zu bedecken, erst als sie merkt, dass mit ihm sonst nicht zu reden ist, tut sie das Naheliegende. In dem Moment hatte ich die Befürchtung, dass dieses Buch auch noch in die Erotik-Schiene abzurutschen droht – dann hätte ich es wirklich beiseite gelegt. Zum anderen wurde auf den ersten Seiten extrem betont, wie nahe sich die beiden Freundinnen Camilla und Theresa standen. Schwupps ist Theresa weg, steht ihr Christoph viel näher. Auch hatte ich stets den Eindruck, dass Theresa mit dem Erscheinen Christophs unwichtig wurde. Merkwürdig, da im ersten Kapitel das Wort „Freundin“ inflationär häufig verwendet wurde. Da habe ich mich gefragt, ob die Autorin damit eine unterschwellige Botschaft senden wollte. Zudem empfand ich es als übertrieben schnell, wie eng auf einmal die Beziehung zwischen Camilla und Christoph wurde. Sicher, haben sie viel miteinander erlebt, aber sie kennen sich gar nicht wirklich, wie kann da nach ein paar Tagen voller Extremsituationen denn schon die Rede von Liebe sein? Sie hatten nicht einmal viel Zeit für Zweisamkeit. Ohnehin wurde mir diese Beziehung viel zu kitschig dargestellt – dies soll doch ein Mystery-Thriller sein und kein Chick-Lit-Roman oder Jugendbuch.
Das bringt mich zu einem weiteren Kritikpunkt: Im Grunde liest sich dieses Buch wie ein Jugendbuch. Die Charaktere sind alles andere als reif (sie sind 19 und 22), die Handlung erfolgt Schlag auf Schlag, bei tiefgründigeren Erklärungen verzettelt sich die Autorin, so dass ich nicht wirklich folgen konnte und alles ungewollt oberflächlich bleibt, wie ich es bei so vielen Jugendbüchern wahrnehme. Im starken Kontrast dazu steht der Beginn des Buches, bei dem übermäßig eklig beschrieben wurde, wie ein Mann von einem Hochhaus zu Tode stürzt. Zugegeben, diese Szene war wirklich realistisch beschrieben und die Stimmung kam sehr gut rüber, aber selbst für mich, die ihr Kopfkino sehr gut im Griff hat, war das zu viel. Vor allem erscheint mit der Kontrast zu diesem Start zum Rest das Buches zu krass. So unter dem Motto: Seht her, hier ist es blutig, es ist ein Buch für Erwachse! Ich mag Jugendbücher – keine Frage, aber dann möchte ich bitte auch VORHER wissen, was mich erwartet. Ich diesem Zug muss ich erwähnen, dass mir in diesem Buch eindeutig zu viel erbrochen, fast erbrochen oder gewürgt wird. Solche Dinge möchte ich nicht auf gefühlt jeder zweiten Seite lesen. Lesen ist Kopfkino, da muss man ja beinahe selbst würgen.
Dies ist besonders schade vor dem Hintergrund, dass mich das Buch an eine andere Jugend-Buchreihe erinnert, die ich sehr schätze und die viel, viel, viel mehr Atmosphäre verströmt als dieses hier. Ich meine die Uralte Metropole (Lycidas, Lumen, Lilith) von Christoph Marzi. Auch dort gibt es Städte unter den Städten, auch dort werden literarische Motive verwendet. Aber Marzi schafft es mit seinem dichterischen Schreibstil (der sicher auch nicht für jeden etwas ist), richtig greifbare Atmosphäre zu schaffen. Dies ist hier leider nicht so.
Zudem habe ich noch weitere Parallelen zu anderen Autoren entdeckt: Wolfgang Hohlbein schafft es in der Chronik der Unsterblichen auch sehr oft von Geheimnissen zu sprechen, die dann einfach nicht aufgedeckt werden. „Ich mache nur weiter, wenn du mir sagst, was das alles bedeutet“ – „Nö, mache ich nicht“ – „Na, gut!“. Sicher, ab einem gewissen Punkt sucht Camilla an anderer Stelle nach Antworten und am Ende zeigt sich auch, warum sie an erster Stelle keine Antworten bekommen hat, das tröstet aber nicht darüber hinweg, dass diese Szenen einfach unglücklich konstruiert sind. Es ist einfach schade, wenn man erst nach hundert Seiten erfährt warum die Autorin eine Szene so unglücklich konzipiert hat.
Zu Beginn schrieb ich bereits, dass das Tempo am Beginn zu hoch war. Als alle Figuren endlich da waren, wo die Autorin sie haben wollte, wird das Tempo gedrosselt und die Geschichte hat endlich Zeit sich zu entwickeln. Dann kommt sogar so etwas wie Lesefreude auf und ich konnte über die eine oder andere Kleinigkeit hinweg lesen. Das literarische Motiv mit E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann hat mir gut gefallen, obwohl man aus dem Thema noch mehr hätte herausholen können.
Leider hat das Tempo im Finale wieder so stark zugenommen, dass ich manchmal nicht mitbekam, wo welche Figur gerade ist und warum sich die Gruppe getrennt hat (z.B. in der Parkhaus-Szene), dass die Autorin dann aufgrund nicht weiter erklärter Realitäts-Änderungen manche Figuren aus dem Finale geschnitten hat, empfand ich auch als etwas unglücklich. Der Finale Akt, der den Mörder dann zur Strecke bringt, war dann auch noch einem Umstand zu verdanken, der sich aus irgendeinem Zusammenhang ergab, deren Erklärung ich überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Dazu hätte ich das Finale wohl noch einmal lesen müssen, doch dazu hatte ich keine Lust.
Zu allem Überfluss ist der Epilog, der auch noch ohne eine neue Kapitelüberschrift einfach an das Finale angeklebt worden ist, ein ganz platter Cliffhanger zum zweiten Teil der Reihe Schattengrenzen. Ich hatte mich schon gewundert, wie das Buch sich in eine Reihe eingliedern soll, denn das Buch an sich ist absolut in sich abgeschlossen. Daher wirkt dieser Epilog etwas plump.
Abschließend muss ich noch negativ anmerken, dass mir die Bindung des Buches überhaupt nicht gefallen hat. Es ist extrem starr und hart geklebt. Ich persönlich kann Knicke in einem Buch nicht ausstehen, weshalb ich das Buch nie so weit aufschlage, dass der Umschlag bricht. Da ich allerdings auch gern einhändig lese, ist es mir nun oft passiert, dass mir das Buch aus der Hand gerutscht ist. Zugegeben es ist so gebunden, dass man, um den Buchrücken zu brechen, ordentlich hätte Gewalt anwenden müssen, das hat aber auch den Nachteil, dass man nicht erkennen kann, auf welcher Seite man war, wenn einem das Buch beim Lesen aus der Hand fällt… „Glücklicherweise“ hatte ich immer ein Auge auf die Seitenzahlen.

Fazit: Leider haben sich meine Vorurteile, was Bücher von kleinen Verlagen bzw. selbstverlegten Büchern angeht, auch hier wieder bestätigt. Die Idee, die hinter dieser Geschichte steckt, ist zwar nicht neu, hat allerdings viel Potential. Auch die Autorin macht ihren Job im Grunde nicht recht gut, was hier meiner Meinung nach fehlt, ist die Überarbeitung durch einen Lektor mit Erfahrung auf dem Gebiet dieses Genres. Mir war der Auftakt zu künstlich und zu schnell – unter dem Motto: „Schnell dahin kommen, wo ich hin will.“ Dies hatte den Nachteil das nicht ausreichend Atmosphäre geschaffen wurde und der Kontrast zwischen Anfang und Mittelteil viel zu groß war. Leser, die aufgrund einer Leseprobe, Gefallen gefunden hätten, wären womöglich im Mittelteil enttäuscht worden. Mir dagegen hat der Mittelteil besser gefallen, als das Tempo gedrosselt wurde und dadurch auch mehr Stimmung aufkam. Von Atmosphäre mag ich nicht sprechen, denn die ist bei Die Uralte Metropole wesentlich besser.
Ich mag diesem Buch daher gewisse Qualitäten und Potential nicht absprechen, aber mein Fall ist es nicht, dafür ist es noch zu holprig und hakt an vielen Stellen.

Bewertung_04_hBuchdaten: Glasseelen – Tanja Meurer
Aus der Reihe Schattengrenzen
Genre: Fantasy/Mystery-Thriller
Taschenbuch
512 Seiten

bookshouse

Erschienen: Januar 2013

I
SBN: 9789963722402
Preis: 15,99€

 

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