Felix Leibrock – Todesblau

Unausgegoren

Diese Rezension enthält keine Spoiler, wohl aber Spekulationen meinerseits, die sich natürlich im weiteren Verlauf der Reihe, wenn es denn eine geben wird, als falsch herausstellen können und vielleicht die eigenen Spekulationen in die entsprechende Richtung lenken können…

TodesblauZum Inhalt: Sascha Woltmann lässt sich aus Sorge um seine betagten Eltern aus dem hektischen Berlin ins eher beschauliche Weimar versetzen. Sein Problem: Hier darf er erst mal nur als Streifenpolizist arbeiten. Doch als er zu einem Tatort gerufen wird und die Leiche einer älteren Frau findet, kann er es nicht lassen und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Ein riskantes Unterfangen, wäre da nicht seine alte Freundin, die Polizeihauptkommissarin Mandy Hoppe, die ihm immer wieder mit Rat und Tat zur Seite steht. (Quelle)

Meine Meinung: Ich wusste zu Beginn nicht viel über dieses Buch, da mir der Autor unbekannt war und ich auch eher zufällig auf dieses Buch gestoßen bin. Es klang jedenfalls ganz interessant. Bald wurde auch deutlich, dass dieser Krimi sich von den „Standards“, die ich bisher gelesen habe, unterscheidet. Normalerweise ist es ein Ermittlerduo der Kripo, die ermitteln. Die Zusammensetzung dieser beiden und des Teams dahinter variiert und macht den jeweiligen Charme des Buches aus. Journalisten sind mir auch schon oft untergekommen und konnten mich überzeugen. Hier ist der Hauptcharakter Sascha Woltmann nun ein Streifenpolizist der Schutzpolizei, der durch glückliche Umstände zu einer Kripo-Ermittlung hinzugezogen wird und prompt mit der ehemaligen Schulkameradin Mandy Hoppe aus Kindestagen gemeinsam ermitteln darf. Dies ist für mich neu und hätte theoretisch tolles Potential geliefert, aber leider ist das hier meiner Meinung nach nicht gelungen, da es einfach zu viele Punkte gibt, die mich nicht überzeugen konnten:

  • Mandy hat offensichtlich in der Beziehung zu Sascha einiges aufzuarbeiten. Sie scheint ihm den Weggang in den Westen übel zu nehmen oder war gar in ihn verliebt (letzteres ist eine Vermutung meinerseits). Diese Frustration führt zu typischen Ossi-Wessi-Konflikten, die vielleicht irgendwo immer noch aktuell sind, wie bei Mandy, ich persönlich finde im Jahr 2015 so etwas nicht mehr angemessen. Es sei denn die Protagonisten sind jenseits der 70.
  • Wieso muss Mandy Hoppe Sascha „Alter“ nennen? Das erinnert mich leider zu sehr an diese umgangsprachliche Redewendung, die eher dümmlich daher kommt und in einem Krimi in einer Unterhaltung zwischen zwei Erwachsenen Polizisten nichts zu suchen hat. Dies finde ich absolut unangemessen und daneben. Es hätte bestimmt auch andere peinliche, aber nicht so dämliche Spitznamen für den Protagonisten geben können, über die man schmunzeln kann, aber die nicht so peinlich berühren wie „Alter“.
  • Der Chef der Kripo Weimar geht gar nicht. Es ist eine Sache einen unsypatischen, egoistischen Charakter in ein Buch zu bringen. Ein solcher kann eine Story wunderbar beleben und der Leser kann die Figur trotz allen charakterlichen Fehlern einer Hassliebe gleich sympatisch finden. Remde hier ist einfach nur peinlich. Er behandelt seine Mitarbeiter mies, sonnt sich im verblichenen Ruhm seiner Taten aus DDR-Zeiten, handelt ansonsten sehr unüberlegt und macht sich damit mehr als lächerlich. Ein solcher Mensch ist an einem solchen Posten nicht tragbar und das damit gedroht wird und nichts passiert, stellt die Polizei in meinen Augen unnötig korrupt dar.
  • Woltmann möchte gern auch zur Kripo, einer der Gründe, warum er nach Weimar gewechselt ist. Dummerweise haben diese Ambitionen auch eine Reihe von anderen Streifenpolizisten, allen voran Scholz, einer der ausgewählten Lieblinge Remdes. Es entwickelt sich demnach sehr vorhersehbar ein Wettstreit zwischen Scholz und Woltmann, den ich persönlich als störend kindisch empfunden habe. Woltmann hat viel zu viel allein gearbeitet, um Scholz auszustehen. Allein dies hätte viel Potetial für Witz und Humor geboten, umgesetzt wurde des leider nicht. Und der „Running Gag“ mit dem Foto auf dem Smartphone war auch eher doof von Woltmann, als dass es die Geschichte interessant gemacht hätte.

Ohnehin mag ich eine Prise Humor bei Krimis sehr gern. Hier ist davon nichts zu finden. Doch es gibt noch mehr zu bekritteln: Der Schreibstil des Autors ist im Grunde flüssig und einfach zu lesen, wie ich es bei einem Krimi erwarte. Man kann sich zurücklegen und von der Geschichte leiten und unterhalten lassen. Soweit dazu, doch der Autor hat es nicht geschafft, den Fall spannend zu gestalten, da außer dem Druck von oben, kein weiterer Zeitdruck vorliegt und die Ermittler zur Eile zwingt, zum anderen tappen diese gefühlt ständig im Dunklen und so war Miträtseln leider nicht möglich. Doch es kommt noch schlimmer: Der Autor bedient sich des von mir gehassten Stilmittels „den letzten echten Hinweis und Gedankengang, der zum entscheidenen Schluss im Hirn des Ermittlers führt und somit den Täter entlarvt, dem Leser nicht mitzuteilen um es vermeindlich spannender zu machen“. Das hat zum Resultat geführt, dass ich ab da gar nichts mehr verstanden habe, vor allem nicht – und das ist bei einem Krimi besonders tragisch – wieso es nun ausgerechnet dieser Mensch war, der zum Mörder wurde. Mit anderen Worten ich habe die Auflösung des Falles nicht verstanden. Weder das Motiv, noch den Tathergang nur der Täter ist mit bekannt. Ein Todesurteil für jeden Krimi!
Man mag mich nun kritisieren: „Da steht doch alles! Ein bisschen konzentrierter lesen und alles wäre klar gewesen.“ Vielleicht mag das stimmen, aber ich lese nun einmal sehr schnell, aber nicht flüchtig. Merkwürdig unausgegorene Passagen bei denen ich die Informationen bei einem normalen Lesen nicht verstehe, möchte ich bei einem eigentlich als seichte Unterhaltung gedachten Krimi nicht mehrmals lesen, um zu verstehen, worum es geht. Bei komplizierter High Fantasy mache ich dies, aber hätte ich etwas kompliziertes gewollt, hätte ich nicht zu einem Krimi gegriffen!
Doch ich bin noch nicht durch: Die Charaketere sind zwar durchaus sympatisch, aber hier fehlt mir ein entscheidendes Element, das ich an Krimis sonst sehr schätze und das mich förmlich dazu zwingt, eine Reihe weiterzulesen: die Hintergrundgeschichten der Protagonisten. Im Falle Woltmanns ist zwar bekannt, dass er Familie hat, man erlebt die Familienmitglieder auch ein bis zwei Mal im Buch, und warum die Familie von Berlin nach Weimar umsiedelte, aber mir fehlt die richtige Interaktion mit der Familie. Das sind Dinge, die den Kommissar und Protagonisten symphatischer machen und den Leser diesen besser kennen lernen lassen. Dabei fing es ganz positiv an: Der Leser konnte Saschas Frau Yvonne auf Stellensuche begleiten und war mit Woltmann und Tochter joggen. Zwischendurch musste Woltmanns Elternhaus als Schauplatz dienen, um andere Charaktere in den Fokus zu stellen. Aber dann auf einmal war Schluss. Man erlebt nur die Ermittlungen und das war’s. Noch schlimmer allerdings finde ich es im Fall von Mandy Hoppe. Von ihr weiß man nur ihren Werdegang, da sie zu Beginn über die gemeinsame Vergangenheit mit Woltmann spricht. Familienstand? Wohnverhältnisse? Hobbies? Fehlanzeige. Am Ende werden Entwicklungen in Woltmanns Familie angedeutet, die mich in meiner Spekulation während des Buches unterstützen: Ich vermute dass, wenn es eine Fortsetzung gibt, die liebe Yvonne ganz ganz fix wieder in Berlin ist und Woltmann eine Beziehung zu Hoppe eingeht, die natürlich ungebunden oder geschieden ist. Beide stellen fest, dass sie im Grunde bereits während ihrer Schulzeit ineinander verliebt und füreinander bestimmt waren. Aufgrund von Vitamin B wird Hoppe dann schlussendlich Woltmann zu einem Platz bei der Kripo verhelfen, obwohl Chef Remde solch Klüngelverhalten nicht ausstehen kann, doch wahrscheinlich ist der eh bald weg vom Fenster und Hoppe Chef, aber dann müssten sie ihre Beziehung aufgeben… Weit daher geholt, aber der Verlauf der Geschichte lässt eine solche platte Fortsetzung leider als sehr nahe liegend erscheinen. Für mich ist das daher ehrlich gesagt auch genau das: platt. Für den Fall, dass dies eine Reihe werden soll, werde ich bestimmt nicht weiterlesen. Auch nicht um nachzuschauen, ob meine Spekulationen korrekt waren. Dafür gibt es zum Glück viel bessere Krimis!
Doch einen positiven Punkt hatte tatsächlich auch dieses Buch: Das ganze Drumherum mit der Kunst und den Gemälden hat mir gut gefallen und war ordentlich in Szene gesetzt.

Fazit: Ich bin bei Krimis eigentlich nicht sonderlich kritisch. Ich mag Krimis. Wenn auch die Story manchmal etwas langweilig ist, solange dann das Setting stimmt, gleicht das vieles wieder aus. Aber mir ist schon lange kein so schlecher und unausgegorener Krimi in die Hände gefallen wie dieser. Die Protagonisten im Ermittlungsteam arbeiten nicht zusammen eher gegeneinander, was theortisch auch Potential hat, aber hier nicht gut umgesetzt wurde. Das Private fehlt im Grunde völlig und der Rest erscheint sehr vorhersehbar. Das schlimmste war jedoch die absolute Undurchsichtigkeit der Auflösung. Falls dies eine Reihe werden sollte, ist sie für mich beendet.

Bewertung_04_hBuchdaten: Todesblau – Felix Leibrock
Genre: Kriminalroman

Taschenbuch
353 Seiten
Knaur
Erschienen: 1. April2015
ISBN: 978-3-426-51616-4
Preis: 9,99€

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