Christoph Marzi – London

Dieses Buch wäre der Oberknaller gewesen…

London ist nach Lycidas, Lilith, Lumen und Somnia der fünfte Teil der Uralten Metropole. Es werden daher Inhalte der Vorgängerbände in dieser Rezension genannt!

London von Christoph Marzi

Zum Inhalt: Schwere Schneeflocken tanzen in der Dämmerung, als Emily Laing das erste Mal London nicht mehr findet. Doch wie kann das sein? Eine ganze Stadt verschwindet doch nicht einfach so. Mitsamt all ihren Schornsteinen, Bewohnern und Geheimnissen. Hat das vielleicht etwas mit den beiden seltsamen alten Damen zu tun, die Emily entführen? Oder hängt es mit dem Waisenmädchen zusammen, das plötzlich auf den Stufen einer U-Bahn-Rolltreppe auftaucht? Noch einmal müssen Emily und ihre Gefährten, der Alchemist Wittgenstein, Maurice Micklewhite und die kluge Ratte Minna, in die Tiefen der Uralten Metropole hinabsteigen. Denn hier, in der magischen Stadt unter der Stadt, liegt die Antwort. Und die Gefahr … (Quelle)

Meine Meinung: Vor gefühlten Ewigkeiten habe ich die Romane über die Uralte Metropole gelesen und geliebt. Marzis Schreibstil war so individuell besonders, ja fast poetisch und die Bücher hatten eine sehr intensive Atmosphäre und einen Charme, der mich begeistert hat. Zumindest die Bücher über Emily Lain, denn Somnia, der vierte Teil hatte eine andere Protagonstin und irgendwie konnte mich dieser Band dann nicht mehr verzaubern.
Nun ist mit London ein neuer Teil dieser Reihe erschienen und darüber habe ich mich sehr gefreut. Doch nachdem ich nur eine halbe Seite gelesen hatte, habe ich das Buch beiseite gelegt. Ich konnte mich praktisch an keine Details erinnern und da ich die Reihe so sehr mag, wollte ich mir dieses ewige Rätselraten nicht antun. Ich wollte das Buch genießen und habe kurzentschlossen alle Bücher noch einmal gelesen und diese Entscheidung habe ich keine Sekunde bereut. Ich musste sogar feststellen, dass von einem objektiven Blickwinkel Somnia nicht schlechter ist als die anderen Bücher. Ungewohnt aufgrund der anderen Protagonisten, doch keineswegs schlechter!
Endlich konnte ich also mit London beginnen: Emily ist seit einiger Zeit zurück in London, denn von Tristan Marlowe hat sich sich getrennt und sie trägt wieder den Namen Laing, den sie damals selbst gewählt hat. Sie ist nun eine junge Frau Anfang 20, die eine eigene Wohnung hat und ihre Trickster-Fähigkeiten dazu nutzt, Kindern ihre Ängste zu nehmen. Selbstredend steht sie immer noch in engem Kontakt mit ihrem ehemaligen Mentor Mortimer Wittgenstein und ist gerade unterwegs, u.a. um für ihn ein Buch in Cambridge abzuholen, als sie auf dem Weg zurück nach London feststellen muss, dass London nicht mehr da ist. Niemand hat von der Stadt gehört. Doch es passieren noch weitere seltsame Dinge: Zwei alte Damen, die wie Zwillige aussehen und Emily merkwürdig bekannt vorkommen, bringen sie zurück nach London, wo sie an einer U-Bahn-Treppe ein einsames Mädchen finden. An derselben Stelle, an der Wittgenstein  damals sie fand, als sie aus dem Waisenhaus geflohen ist. Sie nimmt sich der Kleinen an und schnell wird klar, dass dieses Mädchen im Zentrum der seltsamen Ereignisse in London zu stehen scheint…

Schnell wurde mir beim Lesen klar, dass etwas anders ist: Zwar ist wieder Emily Laing die Hauptperson in dieser Geschichte, doch die Erzählperspektive hat sich grundlegend gewandelt. In der Trilogie war es so, dass Wittgenstein die Geschichte erzählte und es auch immer einen Rahmen gab, in dem er eine zukünftige Situation schilderte, um dann so etwas in der Art zu sagen wie: „…aber ich möchte nichts vorweg nehmen, nehmen wir den Faden wieder auf, wo wir ihn fallen gelassen haben…“ Dieses machte er praktisch bei jedem der drei Teilbücher der Trilogie. Damit einhergehend erzählte Wittgenstein von sich in der Ich-Perspektive. Bei Somnia war es identisch, nur dass es Mistress Atwood war, die die Geschichte von Scarlet Hawthorne erzählte. Hier ist es nun so, dass es keinen Erzähler gibt und daher auch keine Ich-Perspektive. Den Hauptteil des Buches begleitet der Leser Emilys Weg aus ihrer Perspektive. Zwischendurch, wenn sich die Wege der Protagonisten trennen, wechselt die Perspektive (kurz) z.B. zu Wittgenstein. So ist der Leser stets auf dem aktuellen Stand. Zwar habe ich die Erzählweise der Vorgänger auch sehr gemocht, doch diese hier lässt sich um vieles einfacher lesen, so dass sie mir besser gefallen hat. Die Seiten flogen förmlich nur so dahin. Marzi ist sich, was seinen Schreibstil betrifft, jedoch treu geblieben und schreibt immer noch poetisch, aber nicht mehr so überkandidelt wie in anderen seiner Werke und so kann man sich die eine oder andere schöne Textzeile notieren.
Schön finde ich, dass er sich aber in seinem zeitlichen Rahmen treu geblieben ist: Das Buch spielt „wie immer“ kurz vor Weihnachten in einem winterlich verschneiten London. Zwar ist es keine weihnachtliche Handlung, aber ich persönlich schätze es sehr, wenn die Bücher, die ich lese, zur selben Jahreszeit spielen, wie die die gerade herrscht. Von daher ist dies für mich ein Weihnachtsbuch. Gut gefallen haben mir auch die Parallelen zu Emilys Auffinden und dem Auffinden von Piccadilly Mayfair und die Art, wie Emily mit ihr umgeht. Auch sie denkt nun wie Wittgenstein damals häufig „dieses Kind“. Oder auch der Einsatz bekannter Elemente, wie z.B. dass manche Portale als Türen erscheinen oder ein Feuer die Protagonisten transpotiert, fand ich sehr stimmungsvoll.
Konnte man vorher eigentlich nie wirklich sagen, ich welcher Zeit die Bücher tatsächlich spielen, da praktisch keine Anhaltspunkte geliefert wurden, gibt es diese hier eindeutig: London spielt zur aktuellen Zeit! Es wird gegoogelt, per WhatsApp kommuniziert und in der Dunkelheit gibt es Taschenlampen. Zwar treffen sie sich immer noch in der Bibliothekt, doch recherchiert wird ganz modern und das finde ich wirklich gelungen. Es macht die Geschichte als solche zwar moderner aber auch greifbarer.

Doch es gibt leider auch ein paar negative Seiten an diesem Buch. Wären die nicht gewesen, London wäre ein Kandidat für die volle Punktzahl gewesen. Dummerweise liegt es daran, dass ich die Vorgänger noch einmal gelesen habe, hätte ich es nicht, wären mir die Punkte, die ich gefunden habe, gar nicht aufgefallen. Da wäre zum einen eine Reihe von Logikfehlern:

  • Am Ende von Somnia waren Lilith, die nach Lilith auch Eliza Holland war und ihr Mann Lucifer definitiv Tod, da sie sich opferten um den Träumer in seinem Traum einzusperren und so die Engel und eigentlich auch die ganze Welt zu retten. In London leben die beiden jedoch quietsch vergnügt in London und betreiben weiterhin ihr Geschäft. Erklärungen wie es dazu hätte kommen können gab es leider nicht.
  • Emily und Aurora haben immer gemeinsam in der Dachkammer geredet (und auch geschwiegen), doch war diese Dachkammer Emilys Zimmer bei Wittgenstein und nicht bei den Pflegeltern. Dort lebte nach ihrem „Unfall“ nur noch Aurora.
  • Nach Lumen waren meines Erachtens nach alle Mitglieder der Familien Manderley und Mushroom tot – und somit der Zwist in London endlich begraben. Hier gab es noch ausreichend Menschen in den großen Anwesen, um dort ein Massacker zu veranstalten.
  • Mara war schon während Somnia die Regentin und hatte falsche Berater (Lord Somnia). Darauf wurde in keiner Weise eingegangen. Nur dass Emily sich sicher während dieser Zeit mit ihre Schwester überworfen hat und schlussendlich nach London gegangen ist. Für eine logische Fortführung hätten da noch mehr Fakten genannten werden müssen.

Diese Art von Logikfehlern können passieren, wenn viel Zeit zwischen den Romanen vergangen ist, aber irgendwie hatte ich beim Lesen das Gefühl Marzi würde schreiben, als hätte es Somnia nie gegeben, denn er hat ganze Passagen aus Somnia kopiert, in London eingefügt und anschließend angepasst. So ist zum Beispiel die Szene als Micklewhite die Spinnen besucht 1:1 aus Somnia kopiert. Auch die Geschichte, die Lucifer erzählt ist Wiederholung. Dergleichen finde ich wirklich nicht gut. Man sollte doch meinen, dass ein Autor über ausreichend Kreativität verfügt sich neue Szenen auszudenken (Spinnen-Szene) oder Wiederholungen zumindest anders zu verpacken (Lucifers Geschichte). Doch am schlimmsten fand ich die Tatsache, dass Rima und Scarlet, Wittgensteins Familie, so gar keine Rolle gespielt haben. Mir hat es in Somnia so gut gefallen, dass man endlich herausgefunden hat, was aus Rima und ihrem Kind geworden ist und dass die Familie schlussendlich wieder vereint war. Was Marzi in diesem Buch aus der Figur Rima gemacht hat, fand ich wirklich schade und ungerecht. Dass aber Scarlet mit keinem einzigen Wort erwähnt wird finde ich wirklich schlimm. Es wirkt so, als wäre Scarlet und ihre Geschichte in Somnia irrelevant gewesen. Das wertet das Werk Somnia in meinen Augen ab, was ich jedoch nicht verstehen kann, da dieses Buch in diesem Kalenderjahr von einem anderen Verlag neu aufgelegt wird.
Letztlich war der Rest des Buches jedoch so schön und zauberhaft, dass ich mir die Geschichte aufgrund solcher Dummheiten nicht madig machen möchte.

Fazit: London hat mich – wie schon die anderen Bücher über die Uralte Metropole – regelrecht verzaubert. Zwar gibt es einige Veränderungen im Aufbau der Geschichte, doch die Handlung hier schließt sich (theoretisch) nahtlos an die Vorgänger an und der Leser erfährt, wie Emilys Geschichte weitergeht. Theoretisch deshalb, da es leider einige Logikfehler gibt, die mir dann doch negativ aufgestoßen sind. Das ist schade, denn im Grunde hatte ich das Gefühl, das Marzi dazu gelernt – und seinen Schreibstil verbessert hat. Sein individueller Stil ist zwar immer noch eindeutig erkennbar, doch nicht mehr so alles dominierend und daher lässt sich dieses Buch viel einfacher und schneller lesen, was bei mir die Lesefreude gesteigert hat. Doch es bleibt der fade Nachgeschmack, dass das Buch, wären manche Fakten anderes gewesen, der Oberknaller gewesen wäre, es so jedoch leider nicht ist.

Bewertung_09_hBuchdaten: Die wundersame Geschichte der Faye Archer – Christoph Marzi
Genre: Fantasy
Broschiert
704 Seiten
Heyne
Erschienen: 12. September 2016
ISBN: 978-3-453-31665-2
Preis: 14,99€

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